Mythos Krafttraining im Kindes- und Jugendalter: Mehr Schaden als Nutzen?

Beim Recherchieren von möglichen Artikelthemen wird eines immer wieder aufs Neue deutlich: Mythen existieren in der Fitnessszene wie Sand am Meer und vermehren sich direkt proportional zu dem gefährlichen Halbwissen selbsternannter „Experten“.

Die Für und vermeintlichen Wider hinsichtlich des Krafttrainings im Kinder- und Jugendalter sorgten aber selbst unter renommierten Medizinern, Trainern und Sportwissenschaftlern über viele Jahrzehnte hinweg für kontroversen Diskussionsstoff. Die Gegner bemängelten vor allem, dass Kinder und vorpubertäre Jugendliche aufgrund des geringen natürlichen Testosterongehalts keinen effektiven Nutzen aus einem Gewichtstraining ziehen könnten. Zudem wurden immer wieder kritische Stimmen laut, dass ein Gewichtstraining von Kindesbeinen an eine erhebliche Restriktion der Wachstumsaktivität zur Folge haben könnte. Außerdem kennen die meisten höchstwahrscheinlich, vielleicht sogar aus eigener Erfahrung, die besserwisserischen Kommentare unter diversen Youtube-Videos, welche Jugendliche bei der Ausführung von klassischen Grundübungen, wie der Kniebeuge oder dem Kreuzheben zeigen. Aussagen wie „Der Arme wird bestimmt nicht groß!“, oder „Der wächst durch das Training zwar in die Breite, dafür aber sicher nicht mehr in die Höhe!“ zeugen einerseits von einer großen Unwissenheit auf diesem Gebiet und andererseits von der im Kraftsport und Bodybuilding leider sehr stark florierenden „Broscience“.
Neueste internationale Studien und Forschungsberichte haben nun die genannten Bedenken bezüglich des Krafttrainings von Kindern und Jugendlichen nicht nur relativiert, sondern kamen sogar zu einem völlig konträren Ergebnis. Demnach soll ein korrekt und moderat ausgeführtes Training am Eisen eine sichere und äußerst effiziente Methode darstellen, um zum einen die Kraftwerte der Kinder zu steigern und zum anderen die Knochendichte zu stärken. Damit geht auch eine erhöhte Verletzungsprophylaxe einher, sprich das Verletzungsrisiko im Alltag der Kinder wird deutlich reduziert. Zudem wird durch das Training mit Gewichten bereits im frühen Alter die intermuskuläre Koordination (=Nerv-Muskel-Zusammenspiel) forciert, wodurch es den Jugendlichen leichter fällt sich bestimmte Bewegungsmuster anzueignen und auszuführen.

Welche innovativen Erkenntnisse die besagten Studien im Detail ans Tageslicht beförderten, ob es Sinn macht die Kraftkammer aufzusuchen, auch wenn man noch sehr jung ist und warum Schillers Weisheit „Früh übt sich, was ein Meister werden will“ auch auf den Kraftsport adaptiert werden kann, verraten die folgenden Absätze

 

1. Krafttraining im Jugendalter trotz niedrigen Testosteronspiegels?

Ja, unbedingt! Untersuchungen (1)(2)(3) haben nämlich gezeigt, dass hochintensive Trainingsprogramme sehr wohl auch bei Vorpubertären einen signifikanten Effekt hinsichtlich der Kraftsteigerung erzielen können. Studien die bis dato das Gegenteil behaupteten, sind aus drei bestimmten Gründen nicht repräsentativ: 1. Das Trainingsvolumen welchem die minderjährigen Probanden unterzogen wurden war zu gering 2. Die Trainingsbelastung war unzureichend und / oder 3. das Training folgte nicht dem klassischen Prinzip der Progression. Überraschenderweise wurde festgestellt, dass sowohl die Trainingslast, als auch das Volumen und die Trainingsdauer eines professionellen Gewichthebers auch in Bezug auf das Training von Jugendlichen die optimalen Effekte auf die Kraftsteigerung implizieren. Um bei Kindern die besten Resultate zu erzielen, sollte der Fokus vordergründig auf die Intensität gelegt werden. Die Trainingsdauer spielt in diesem Fall nur eine sekundäre Rolle. Unter Berücksichtigung dieser Punkte, konnte durch hochintensives Training bereits nach sechs Wochen eine Steigerung der Kraftwerte bei Jugendlichen und Kindern erreicht werden.
Übrigens: Wenn die Behauptung, dass Kinder aufgrund eines Mangels an Testosteron keine Muskelmasse aufbauen könnten richtig wäre, dann müsste das auch auf Frauen aller Altersstufen zutreffen, da sie nur circa ein Zehntel des Testosteronwertes eines erwachsenen Mannes aufweisen.

 

2. Ist Krafttraining für Kinder gefährlich?

Vor allem in den Gesichtern der Eltern zeichnen sich schnell Sorgenfalten ab, wenn ihre jungen Schützlinge zum Krafttraining in den heimischen Fitnessraum wollen. Mit intensivem Training werden nämlich seitens der Erwachsenen gerne Muskelzerrungen und Verstauchungen assoziiert. Doch sind diese Bedenken berechtigt? Laut einem Bericht der US Consumer Product Safety Commission aus dem Jahre 1987 sind sie es durchaus! In dem Text wird nämlich die Behauptung aufgestellt, dass 8543 der aus dem Kraftsport resultierenden Verletzungen bei den Untervierzehnjährigen aufgetreten sind. Jedoch wurde in diesem Bericht weder auf die genauen Umstände, die vorhandene (oder nicht vorhandene) Trainingserfahrung, noch auf das verwendete Trainingskonzept der Betroffenen eingegangen und ist daher wenig aussagekräftig.

 

Außerdem: Es wurde festgestellt, dass ein großer Prozentsatz der Verletzungen beim unbeaufsichtigten „Home-Workout“ der Kinder zustande gekommen ist.

Wie vielen von euch sicherlich bekannt ist, wird Gewichtstraining bei Erwachsenen schon lange in der Physiotherapie zur Heilung von Gelenks- und Gewebsverletzungen eingesetzt. Aber auch bei jungen Athleten, wie zum Beispiel jugendlichen Fußballspielern, wird Widerstandstraining als Rehabilitationsmaßnahme immer populärer. Der Mediziner Cahill B.R. stellte bereits 1978 (4) fest, dass sowohl die Häufigkeit, als auch die Schwere der Knieverletzungen bei Patienten die regelmäßig zu Gewichten greifen deutlich reduziert werden kann.

Zudem zeigte Hamill (1994) auf (5), dass das Verletzungsrisiko für Kinder im Kraftraum sogar geringer sei, als jenes im Turnunterricht der Schule. So liegt die Verletzungsrate im schulischen Sportunterricht laut Hamill bei satten 0,18 Verletzungen pro 100 Stunden. Die Verletzungsrate beim Training in der Kraftkammer hingegen liegt lediglich bei 0,0012 Verletzungen pro 100 Trainingsstunden.
Auch Ryans Langzeitstudie, welche über 14 Wochen durchgeführt wurde, konnte lediglich bei einem der Probanden eine marginale Schulterverletzung feststellen, die sich bis zum Ende der Studie jedoch wieder von allein auflöste.
Die umfangreichste Studie (6) zu diesem Thema wurde vom „USA Weightlifting Regional Development Center“ durchgeführt und dauerte ein ganzes Jahr lang an. Dabei konnten bei den 70 vorpubertären Teilnehmern keinerlei Anzeichen für eine etwaige Verletzung festgestellt werden.

 

3. Limitiert Widerstandstraining in frühen Jahren das Körperwachstum?

Ein vermeintliches K.o.-Kriterium seitens der Kritiker für das Training im Kindesalter war die Sorge, dass durch das Hantieren mit schweren Gewichten die Wachstumsplatte (Epiphyse) der Jugendlichen nachhaltig geschädigt wird und dadurch das Wachstum für immer zum Stagnieren gebracht werden könnte. Und tatsächlich: In fünf wissenschaftlichen Publikationen (7)(8)(9)(10)(11) von Gumbs, Brenton, Brady, Rowe und Ryan wurden Brüche und Epiphysenfrakturen mit Gewichtstraining in Verbindung gebracht. Aber, und das relativiert die ganze Sache wieder, diese Verletzungen sind zu einem Großteil auf eine unsaubere Technik bei der jeweiligen Übungsausführung, sowie eine Überbelastung zurückzuführen und nicht auf das Training an und für sich. In keinem der fünf Reporte konnte plausibel dargelegt werden, dass diese Frakturen ihren tatsächlichen Ursprung im Gewichtstraining hatten und nicht etwa durch Gleichgewichtsverlust und einem anschließenden Sturz herbeigeführt wurden. Zudem führte eine korrekte Behandlung der Frakturen zur vollständigen Heilung und hatte keine negativen Auswirkungen auf das zukünftige Wachstum der Betroffenen (12). Abgesehen von Verletzungen der Wachstumsplatte konnten auch keine anderen Beweise dafür gefunden werden, dass das Widerstandstraining mit einer Einschränkung des Wachstums von Jugendlichen korreliert. (13)(14)(15)
Umfangreiche Untersuchungen von Theintz (16) aus dem Jahre 1994 bestätigen obendrein, dass Gewichtstraining im Ausmaß von bis zu 15 Stunden pro Woche weder in Bezug auf den Hormongehalt, die Pubertät, noch das Wachstum der Jugendlichen negative Auswirkungen mit sich bringt.

 

Fazit

Wie dieser Artikel und die darin erwähnten Studien aufzeigen, sind „jung“ und „stark“ zwei Attribute die sich keineswegs gegenseitig ausschließen, sondern im Gegenteil, unter den richtigen Umständen und bei adäquater Umsetzung eine perfekte Symbiose bilden können.
Die Quintessenz, die Kinder und Jugendliche für sich aus diesem Artikel aber unbedingt ziehen sollten, lautet: Nicht das Training an sich, sondern die fehlende Aufklärung und eine mangelnde Trainingsüberwachung durch erfahrene Coaches führen zu Unfällen und Verletzungen. Daher sollten Minderjährige sich nie im Fitnessstudio selbst überlassen sein, sondern stets eine fachkundige Person zu Rate ziehen können. Ist jedoch ein sicheres Trainieren gewährleistet, so steht dem Muskelstählen selbst im Kindesalter nichts im Wege und ist nicht nur bedenkenlos, sondern kann obendrein für die körperliche Entwicklung durchaus von Vorteil sein.

 

Quellen

  1. Nielsen, B. et al. (1980). Training of “functional muscular strength” in girls 7-19 years old. In: K. Berg and B.D. Ericksson (Eds.). Children and Exercise IX. Human Kinetics, Champaign, IL.
  2. Ozmun, J.C. et. al. (1991). Neuromuscular adaptations during prepubescent strength training. Med. Sci. Sprts Exerc. 23: S32 (abstract)
  3. Wescott, W.L. (1979). Female response to weight training. J. Phys. Educ. 77: 31-33.
  4. Cahill, B.R. and E.H. Griffith (1978). Effect of pre-season conditioning on the incidence and severity of high school football knee injuries. Am. J. Sports Med. 6: 180-184
  5. Hamill, B. (1994). Relative Safety of Weightlifting and Weight Training. J. Strength Cond. Res
  6. Pierce, K. et. al. (1999). Youth Weightlifting – Is it safe? Weightlifting USA 17(4): 5
  7. Benton, J.W. (1983). Epiphyseal plate fractures in sports. Physician Sports Med. 10:63-71. Starting Strength 222
  8. Brady, et. al. (1982). Weight training-related injuries in the high school athlete. Am. J. Sports Med. 10: 1- 5
  9. Gumbs, V.L. et. al. (1982). Bilateral distal radius and ulnar fractures in weightlifters. Am. J. Sports Med. 10: 375-379.
  10. Rowe, R.A. (1979). Cartilage fracture due to weightlifting. Br. J. Sports Med. 13: 130-131
  11. Ryan, J.R. and G.C. Salciccioli (1976). Fracture of the distal radial epiphysis in adolescent weightlifters. Am. J. Sports Med. 4: 26-27.
  12. Caine, D.J. (1990). Growth plate injury and bone growth: an update. Ped. Exerc. Sci. 2: 209-229
  13. Ramsey, J.A. et. Al. (1990). Strength training effects in prepubescent boys. Med. Sci. Sports Exerc. 22:605-614.
  14. Sailors, M. and K. Berg (1987). Comparison of responses to weight training in pubescent boys and men. J. Sports Med. 27: 30-36
  15. Siegel, J.A. et al. (1989). The effects of upper body resistance training on prepubescent children. Ped. Exerc. Sci. 1: 145-154.
  16. Theintz, G. et. al. (1994). The child, growth and high-level sports. Schweiz. Z. Med. Traumatol. 4(3): 7- 15.